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Karl Peters (1856 - 1918)

Karl Peters (auch Carl Peters) wurde 1856 in eine Pastorenfamilie in Neuhaus an der Elbe geboren. Er studierte und promovierte in Geschichte und Philosophie und war während seiner Studienzeit in Berlin Mitglied einer Burschenschaft. Anstatt eine Stelle als Lehrer anzunehmen, zog er anschließend für drei Jahre zu seinem vermögenden Onkel nach London, wo er keiner Lohnarbeit nachzugehen brauchte und sich stattdessen intensiv mit dem britischen Kolonialismus und dessen Geschichte beschäftigte. Nach seiner Rückkehr nach Berlin beteiligte Peters sich 1884 an der Gründung der "Gesellschaft für deutsche Kolonisation" (später: Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft). Diese war stark siedlungspolitisch ausgerichtet und zielte auf die Gründung von Kolonien, von denen die deutsche Wirtschaft profitieren sollte. Im Vorfeld waren es aber private Gesellschaften und Initiativen, welche die ersten Gebiete für die zu gründenden Kolonien erwerben wollten. Peters reiste noch im selben Jahr nach Ostafrika, um dort mit Stammesoberhäuptern Verträge abzuschließen, mit denen sie für einen minimalen Preis ihr Land im Kerngebiet des späteren Deutsch-Ostafrika verkauften. In der Regel wussten sie nicht, worauf sie sich mit ihrer Unterschrift einließen - oftmals wurden ihnen zuvor von Peters und seinen Mitarbeitern große Mengen Alkohol angeboten.

1885 stellt die deutsche Regierung diese Gebiete im heutigen Tansania, Burundi und Ruanda offiziell unter ihren militärischen "Schutz". In der Folgezeit war Peters weiterhin bestrebt, die unter seiner privaten Kontrolle stehenden "Schutzgebiete" in großem Maße auszuweiten, auch wenn sich diese als weiterhin defizitär für die Deutschen erwiesen. Nachdem Aufstände der ostafrikanischen Küstenbevölkerung die Existenz der von Peters und seiner "Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft" verwalteten Gebiete allerdings bedrohten, übernahm 1889 das Deutsche Reich die direkte Kontrolle über die "Schutzgebiete" und setzte bald darauf Peters als Reichskommissar für das Kilimandscharogebiet ein. Während Peters in Deutschland als Kolonialpionier und Abenteurer große Popularität genoss, war der glühende Rassist in Ostafrika für seine Grausamkeit und für die Anordnung willkürlicher Hinrichtungen bekannt, was ihm in Deutschland bei seinen Kritikerinnen und Kritikern den Beinamen "Hänge-Peters" einbrachte. Auch übte er sexuelle Gewalt gegen seine weiblichen Hausangestellten aus. Bekannt ist das Beispiel der jungen Ndekocha aus dem Volk der Chagga, die von Peters als Haushälterin beschäftigt und sexuell missbraucht wurde. Als Peters ein Verhältnis zwischen seinem Diener Mabruk und Ndekocha entdeckte, konnten beide zunächst fliehen. Sie wurden jedoch bald aufgegriffen und Peters ließ beide aus Eifersucht und zur Abschreckung hinrichten und ihre Heimatdörfer niederbrennen.

Bald war Reichskommissar Peters selbst für die deutsche Kolonialverwaltung aufgrund seiner Brutalität nicht mehr haltbar. 1892 wurde er nach Deutschland zurückbeordert und ein Disziplinargerichtsverfahren gegen ihn eröffnet. Peters galt für die wachsende Zahl der Kolonialismus-Kritikerinnen und -Kritiker als schlimmster Vertreter des rassistischen deutschen "Herrenmenschen" und wurde auch zu einem zentralen Gegenstand parlamentarischer Debatten. Schließlich wurde er 1897 unehrenhaft aus dem Staatsdienst entlassen.

Dennoch versuchte Peters als Kolonialaktivist, als der er sich sah, weiter auf seine Ideen und Pläne aufmerksam zu machen. Weiterhin versuchte er, Profite aus der kolonialen Ausbeutung zu schlagen, mit eigens für diesen Zweck gegründeten Gesellschaften für den Handel mit Bodenschätzen weit über Ostafrika hinaus. Zugleich engagierte sich Peters in der weiter radikalisierten Rechten im Kaiserreich - hier vor allem im rassistisch-nationalistischen Alldeutschen Verband. Nicht zuletzt durch seine regen Publikationstätigkeiten war er für die Vertreter eines aggressiven deutschen Kolonialwesens ein Vorbild. Dies galt auch noch für die Zeit nach seinem Tod. Die nationalsozialistische Propaganda überhöhte ihn als kolonialen Visionär und tatkräftigen Helden. Nicht zuletzt der erfolgreiche Film "Carl Peters" aus dem Jahr 1941 mit Hans Albers in der Hauptrolle zeugt davon.

Der Ortsbeirat Walle hat die Karl-Peters-Straße 2010 umgewidmet. Sie ist jetzt nach dem Strafrechtsprofessor Karl Peters benannt. Das ist jedoch ebenfalls problematisch, da dieser seit 1933 Mitglied der NSDAP und der SA war. Dennoch hat er sich in der Bundesrepublik Deutschland insbesondere einen Namen bezüglich einer Reform des Straf-, Sexualstraf- und Strafvollzugsrechts gemacht. 1974 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Wegen der Namensgleichheit und der unmittelbaren Nähe zu anderen kolonial kontextualisierten Straßennamen hat sich der Beirat Walle inzwischen aber von dieser Umwidmung distanziert und ein Verfahren zur Umbenennung in die Wege geleitet.

Text: Dr. Hanno Balz, Historiker, in Abstimmung mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Senator für Kultur