Die Bremer Kaufmanns- und Pastorenfamilie Vietor, nach der diese Straße 1921 benannt wurde, übte prägenden Einfluss auf das hanseatische Unternehmertum, aber auch auf die bremische und reichsweite Politik im 19. Jahrhundert aus. Hierbei waren ihre wirtschaftlichen, religiösen und politischen Aktivitäten eng mit der deutschen Kolonialgeschichte und ihren Vorläufern verbunden.
Friedrich Martin Vietor (1776-1836) ließ sich Ende des 18. Jahrhunderts in Bremen nieder, wo er 1806 das Handelshaus 'Friedrich M. Vietor' gründete. Die Firma entwickelte sich rasch zu einem der führenden Bremer Handelshäuser mit Schwerpunkten im Tabakimport und im internationalen Seehandel. Seine Söhne Johann Carl "Karl" (1810-1870) und Friedrich Martin "Fritz" (1821-1906) führten das Unternehmen nach 1836 unter dem Namen 'Friedrich M. Vietor Söhne' weiter und etablierten dieses bald auch als Handelshaus an der Küste Westafrikas.
Bereits in den 1850er Jahren engagierte sich die Familie in kirchlichen und caritativen Projekten. Karl und Fritz Vietor gründeten 1854 das erste deutsche Seemannsheim und waren ebenso an der Gründung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger beteiligt, sowie an der Entstehung des evangelischen Diakonissenhauses.
Die Aktivitäten der Vietors standen im Zusammenhang mit der Inneren Mission, deren Programm einer protestantischen Erneuerung moralische Erziehung und karitative Arbeit zum Ziel hatte. Aus diesem Umfeld heraus entstand auch eine enge Verbindung zur Norddeutschen Missionsgesellschaft (NMG), die ab 1851 ihren Sitz in Bremen hatte und missionarisch an der westafrikanischen Küste tätig war. Pastor Cornelius Rudolf Vietor (1804-1888), Bruder der Kaufleute, war Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der NMG. So stand für die Mitglieder der Familie Vietor ein streng christlicher Missionierungsgedanke bis ins 20. Jahrhundert Seite an Seite mit den Profitinteressen hanseatisch-kolonialer Kaufleute.
Bald war die Firma Vietor eines der ersten deutschen Handelshäuser, das ein dauerhaftes Standbein in Westafrika errichtete. 1856 gründete 'F. M. Vietor Söhne' eine Niederlassung im Gebiet des späteren Togo - also lange bevor das Deutsche Reich hier koloniale Besitzansprüche erhob. Während die abolitionistisch gesinnten Vietors den vor Ort verbreiteten Handel mit Alkohol ablehnten, stellte sich der Handel mit Palmöl, Tabak und Schießpulver bald als lukrativ heraus. Solch frühe Wirtschaftsaktivitäten deutscher Kaufleute bildeten eine entscheidende Voraussetzung für die Errichtung des späteren Kolonialregimes.
Während dessen Etablierung hatte Johann Karl Vietor junior (1861-1934), Sohn von Cornelius Rudolf, die Leitung der afrikanischen Unternehmungen übernommen und schließlich 1888 seine eigene Firma gegründet. Bald entwickelte sich Vietor junior zu einem zentralen Vertreter des kolonialen Freihandels in Westafrika. Nur wenige Wochen nach Unterzeichnung des sogenannten "Schutzvertrages" vom 5. Juli 1884 traf J. K. Vietor im Togogebiet ein, blieb bis 1893 fast ununterbrochen in der neuen deutschen Kolonie und hielt durch mehrere ausgedehnte Inspektionsreisen bis zum Ersten Weltkrieg den unmittelbaren Bezug zu Kolonie und Niederlassungen aufrecht. Auch wenn in Togo auf eine Plantagenwirtschaft und die damit verbundene Zwangsarbeit verzichtet wurde, war die wirtschaftliche Ausbeutung dieses kleinsten deutschen Kolonialgebietes in Afrika eng mit seinem Namen verbunden.
J. K. Vietor setzte sich in der Öffentlichkeit für eine Kolonialpolitik ein, die auf "freiem", wenn auch ungleichem, Handel mit der lokalen Bevölkerung setzte. So galt er in der Zeit der Jahrhundertwende in Deutschland als Kolonialreformer. Zugleich blieb unklar, ob seine Haltung in erster Linie christlich-humanitären oder ökonomischen Motiven entsprang. Stets legte Vietor Wert darauf, unternehmerisches Kalkül mit religiöser Rhetorik und karitativer Arbeit zu verbinden und legitimierte so die koloniale Expansion mit dem Anspruch einer christlich-zivilisatorischen Mission. Die Firma achtete auf den "vorbildlichen Lebenswandel" ihrer Angestellten, deren Verhalten den Missionsgedanken verkörpern sollte.
Mit der engen Kooperation zwischen dem Handelshaus 'Vietor & Söhne' und der NMG verschränkten sich Mission und Wirtschaft zu einem einflussreichen System gegenseitiger Förderung. Während die Mission Zugang zu den indigenen Gemeinschaften erhielt, profitierte der Handel von der kolonialen Sicherung deutscher Interessen. Zugleich zeigte sich, dass die Norddeutsche Mission keineswegs außerhalb kolonialer Machtstrukturen stand. Deren Missionare trugen zur Disziplinierung der lokalen Bevölkerung bei, die sich auch in Gewalt ausdrücken konnte. Sie verbreiteten christliche Ideale von Disziplin und Gehorsam gegenüber den Kolonialherren und halfen damit, koloniale Herrschaft zu stabilisieren.
Einige Wirtschaftsdaten der Firma J.K. Vietor verdeutlichen, wie sehr die Firma in die koloniale Missionierungstätigkeit involviert war: Zwischen 1879 und 1905 erzielte F. M. Vietor Söhne einen Gewinn von fast 790.000 Mark, von denen 435.000 Mark an die Norddeutsche Mission gingen. Diese Verflechtungen machten den Namen Vietor zu einem Synonym für "christlich motivierte" Kolonialgeschäfte und damit letztlich für Ausbeutung.
Politisch gehörte J. K. Vietor zu den führenden Vertretern der deutschen Kolonialbewegung, so zum Beispiel in seiner Tätigkeit im Hauptvorstand der Deutschen Kolonialgesellschaft - wenngleich er einer gewaltsamen Ausbeutung der Bevölkerung an Afrikas Westküste entschieden entgegentrat. Er war zudem Mitglied der Bremer Bürgerschaft, Präses der Bremischen Handelskammer, sowie Aufsichtsratsmitglied beim Norddeutschen Lloyd. Letztlich vereinte seine Haltung humanitäre Argumente mit kolonialpolitischem Pragmatismus: Er prangerte beispielsweise die Zwangsarbeit in den Kolonien an, ohne jedoch die koloniale Grundordnung grundsätzlich in Frage zu stellen.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs verlor die Firma Vietor ihren gesamten afrikanischen Besitz von rund 3,5 Millionen Reichsmark, wurde jedoch für einen Teil der Verluste vom Deutschen Reich entschädigt. Vom Kolonialgedanken mochte J. K. Vietor auch nach dem Krieg nicht lassen: So trat er in den 1920er Jahren als Redner vor Schulklassen auf und äußerte die Hoffnung auf eine Wiederbelebung des deutschen Kolonialreichs.
Insgesamt zeigt die Geschichte der Familie Vietor exemplarisch, wie Handel, christliche Mission und koloniale Ausbeutung im 19. Jahrhundert ineinandergreifen konnten. Die religiös motivierte Wohltätigkeit verschleierte dabei ökonomische Interessen, während eine christliche Moral zur Legitimierung des unmenschlichen Kolonialregimes diente. Die Vietors stehen damit für eine frühe Form bürgerlich-protestantisches Kolonialengagements in der kommerzieller Erfolg, missionarischer Eifer und imperialistische Herrschaft ein enges, aber mitunter auch widersprüchliches Bündnis eingingen.
Text: Dr. Hanno Balz, Historiker, in Abstimmung mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Senator für Kultur