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Otto Finsch (1839 - 1917)

Straßenschild Otto-Finsch-Straße
Foto: Tristan Vankann

Otto Finsch, geboren im schlesischen Warmbrunn, schlug schon früh die Laufbahn eines Vogelkundlers ein, obwohl er keine höhere Schule besucht hatte, und erlangte in späteren Jahren auf diesem Gebiet einige Anerkennung. Nach seiner ersten Station als Wissenschaftler am Naturkundemuseum in Leiden in den Niederlanden, wurde er 1864 nach Bremen gerufen, um hier für fünfzehn Jahre als Konservator der naturgeschichtlichen und ethnologischen Sammlung für die "Gesellschaft Museum", dem Vorläufer des "Städtischen Museums für Natur-, Völker- und Handelskunde" (dem heutigen Übersee-Museum) zu arbeiten. In dieser Zeit veröffentlichte er ein Buch über Papageien, aber auch "Neu-Guinea und seine Bewohner" (1865), obwohl er erst viele Jahre später Ozeanien bereisen sollte und keine ethnologische Ausbildung hatte. Seine Studie über Neuguinea bemühte sich zwar um eine wissenschaftliche Sichtweise, erging sich allerdings auch in Zeit-typischen rassistischen Zuschreibungen. So attestierte er den Menschen Neuguineas eine "niedrige Culturstufe" und die Verwendung "kindischer Begriffe", allerdings zeigte er sich skeptisch gegenüber Zuschreibungen anderer Europäer, es handele sich bei den Bewohnerinnen und Bewohnern der Insel um "Kannibalen".

Nach Forschungsreisen durch Nordamerika, Lappland und Sibirien bereiste er von 1879 bis 1882 zum ersten Mal Neuguinea und die melanesischen Inseln im Pazifik, wo er in großen Mengen Pflanzen, Tiere, aber vor allem auch kulturelle Artefakte der lokalen Bevölkerung, darunter menschliche Überreste, sammelte und nach Deutschland verschiffte. Zeitungen in Deutschland druckten zur gleichen Zeit seine Reiseberichte aus der Südsee.

Die Otto-Finsch-Straße
Foto: Tristan Vankann

Zwei Jahre später, 1884-85, bereiste er die Region erneut - diesmal im Auftrag des "Neuguinea-Konsortiums" (später: Neuguinea-Kompagnie), dessen Mission die Errichtung einer deutschen Südsee-Kolonie im Interesse Hamburgischer Bankiers und Handelshäuser war. In der Befürchtung, das britische Empire würde sich weitere Teile Neuguineas als Kolonie unterwerfen, glaubten Finsch und seine Auftraggeber, schnell handeln zu müssen und sich Hafen- und Handelsplätze im Norden Neuguineas und auf den Inseln des späteren "Bismarck-Archipels" zu sichern, auch wenn von der Reichsregierung noch keine Unterstützung kolonialen Raubs zugesichert wurde. Seine Methode, um zu umfangreichem Landbesitz - etwa 200.000 Quadratkilometer - zu kommen, war dabei letztlich ein Raubzug: Finsch "kaufte" Land, indem er an den Küsten die deutsche Handelsflagge hissen ließ und europäische Waren an die Bevölkerung verteilte, die nicht ahnen konnten, dass ihnen damit ihre Besitzansprüche genommen wurden. Der nach ihm benannte Ort "Finschhafen" wurde später der erste Verwaltungssitz der Neuguinea-Kompagnie.

Die Kompagnie sah letztlich alle vorgefundenen Gebiete als "herrenlos" an, es sei denn, andere Kolonialmächte erhoben darauf bereits Ansprüche. Nachdem Reichskanzler Bismarck schließlich den Forderungen nach der Einrichtung deutscher Kolonien nachgegeben hatte, erhielt die Neuguinea-Kompagnie am 17. Mai 1885 einen kaiserlichen "Schutzbrief", der sie zur wirtschaftlichen Ausbeutung des Landes bevollmächtigte und ihr alle Hoheitsrechte übertrug, wie auch das Recht, Verträge mit der lokalen Bevölkerung abzuschließen. So wurden staatlicherseits die wirtschaftlichen Interessen der Neuguinea-Kompagnie in der neuen Kolonie abgesichert, zur Not auch mit dem Einsatz von Kanonenbooten und Marinesoldaten. Für die Kompagnie entwickelte sich die koloniale Ausbeutung als schlechtes Geschäft, denn die Plantagenwirtschaft im Pazifik verlief letztlich in kleinem Rahmen. 1899 ließ sie sich vom Deutschen Reich mit vier Millionen Mark (rund 37 Mill. Euro) abfinden und Neuguinea, die Insel-Archipel und Samoa wurden direkt der deutschen Regierung unterstellt.

Wenngleich es in einer weitverbreiteten romantisierenden Rückschau so scheinen mochte, als wären die pazifischen Kolonien lediglich ein ethnologisches Museum gewesen, so war die deutsche Kolonialzeit doch auf Gewalt gegründet, wie sie sich beispielsweise im Alltag der Plantagenwirtschaft zeigte. Im Vergleich zu den deutschen Kolonien in Afrika gab es in Neuguinea allerdings keine größeren gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Finsch war nach 1885 verbittert über die Verweigerung der ihm seiner Meinung nach zustehenden Anerkennung für die Errichtung der Kolonie und wandte sich wieder seinem Tätigkeitsfeld in verschiedenen Museen zu. Mit der Erkundung geeigneter Gebiete, sowie der Vorbereitung einer deutschen Kolonie im Pazifik spielte er jedoch eine entscheidende Rolle bei der Etablierung des deutschen Kolonialregimes.

Text: Dr. Hanno Balz, Historiker, in Abstimmung mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Senator für Kultur