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Gustav Nachtigal (1834 - 1885)

Gustav Nachtigal wuchs als Sohn eines Pastors in Stendal auf. Er studierte Medizin in Halle, Würzburg und Greifswald und war in jener Zeit in mehreren Studentenverbindungen aktiv. Nach dem Studium war er zunächst als Militärarzt tätig. Ab 1863 lebte er mehrere Jahre lang in Tunesien, wo er unter anderem auch als Leibarzt des Bey von Tunis wirkte. Nachdem er dort den Afrikaforscher Gerhard Rohlfs kennengelernt hatte, wurde er von diesem auf eine diplomatische Mission in das heutige Nigeria geschickt, für die er die Sahara durchqueren musste. In den folgenden Jahren bereiste er als eine Art Self-made Afrikaforscher Nordafrika, den Tschad, Nigeria und den Sudan und sammelte dabei wissenschaftliche Daten über Geografie, Ethnografie und Sprachen in diesen Gebieten. Die Ergebnisse seiner Forschungsreisen veröffentlichte er in zahlreichen Publikationen (zum Beispiel im dreibändigen "Sahara und Sudan", 1879-1889) und wurde nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1875 als einer der bedeutendsten Afrikaforscher seiner Zeit gefeiert. Öffentlich engagierte er sich darüber hinaus auch in seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender der pro-kolonialen "Afrikanischen Gesellschaft in Deutschland".

Die Nachtigalstraße
Foto: Tristan Vankann

Als Mitglied einer internationalen Kommission beriet er den belgischen König Leopold II bezüglich der Erschließung des Kongo, wo die belgische Kolonialmacht in den Jahren darauf ein besonders brutales Regime errichten sollte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde deutlich, dass koloniale und wirtschaftliche Interessen bei Nachtigals Wirken als "Afrikaforscher" eine wichtige Rolle spielten. Seine Bekanntheit und sein Status als "Afrika-Experte" trug ihm 1882 die Ernennung zum deutschen Generalkonsul in Tunis ein, womit Nachtigal in den auswärtigen Dienst des Kaiserreichs eintrat. Hier machte er bald Karriere und wurde 1884 zum Reichskommissar für "Deutsch-Westafrika" (heute: Kamerun und Togo) berufen. Nachtigal wurde nun damit beauftragt, die vor kurzem durch hanseatische Kaufleute erworbenen Territorien und Handelsstützpunkte in eine offizielle deutsche Kolonie zu überführen. In dieser Funktion verhandelte Nachtigal vor der Drohkulisse deutscher Kanonenboote an der Küste mit lokalen Anführern "Schutzverträge" und Landverkäufe aus. In der Folge legitimierte er auch offiziell die betrügerischen Verträge, die Adolf Lüderitz im Jahr zuvor in Südwestafrika (heute: Namibia) hat abschließen lassen.

Insgesamt ließ Nachtigal zwischen Juni 1884 und Februar 1885 mehr als ein Dutzend Mal die Flagge des Deutschen Kaiserreichs an den Küsten West- und Südwestafrikas hissen und nahm die dortigen Gebiete damit in den Besitz für das deutsche Kolonialreich.

Schwer an der Malaria erkrankt, machte er sich 1885 auf die Rückreise nach Deutschland, auf welcher er bald der Krankheit erlag. Nach seinem Tod wurde Nachtigal in Deutschland als Abenteurer und "Kolonialheld" gefeiert, der sich letztlich für das koloniale Projekt geopfert habe. Wie bei anderen Vertretern des deutschen Kolonialismus erlebte er in der Zeit des Nationalsozialismus eine posthume "Heldenverehrung".

In der Gesamtbetrachtung lässt sich sagen, dass Nachtigal kein glühender Rassist wie etwa Carl Peters war und auch die Sklaverei verurteilte. Dennoch war er ein Vertreter seiner Zeit und von der Mission einer Zivilisierung "der Afrikanerinnen und Afrikaner" durch die "Culturnationen" überzeugt. Durch seine Publikationstätigkeiten hatte er bereits früh einem deutschen kolonialen Projekt ideologisch den Weg bereitet. Auch ohne später direkt an Grausamkeiten gegenüber der lokalen Bevölkerung in West- und Südwestafrika beteiligt gewesen zu sein, war er schließlich als Reichskommissar doch ein entscheidender Funktionsträger des ausbeuterischen Kolonialismus, der auch vor der Androhung von Gewalt und Geiselnahme nicht zurückschreckte.

Text: Dr. Hanno Balz, Historiker, in Abstimmung mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Senator für Kultur