Alfred von Waldersee entstammte einer preußischen Adelsfamilie mit ausgeprägt militärischer Tradition - sein Vater war bereits General gewesen. Nach einer Offizierslaufbahn in hannoverischen Armeeverbänden ab 1866 wurde Waldersee später in den Großen Generalstab des kaiserlichen Heeres aufgenommen. 1888 trat er die Nachfolge von Helmuth von Moltke als Chef des Generalstabs an. In dieser Position erweiterte Waldersee gezielt den Einfluss des Generalstabs auf die politische Führung - ein Vorgehen, das ihm in der Historiographie den Ruf eines der ersten "politischen" Offiziere des Kaiserreichs eingebracht hat. Zeitweise wurde er sogar als potenzieller Nachfolger Otto von Bismarcks im Amt des Reichskanzlers gehandelt. 1897 rückte er erneut in den öffentlichen Fokus, als er repressive, sogar militärische Maßnahmen gegen die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten forderte, die er als die größte innenpolitische Bedrohung des Kaiserreichs betrachtete.
Bekannt als militärischer Befehlshaber im Krieg wurde von Waldersee schließlich im Jahr 1900 bei der blutigen Niederschlagung des sogenannten Boxeraufstandes in China. Aufgrund seiner kolonialen Interessen in Ostasien hatte das Deutsche Reich die chinesische Regierung bereits 1898 gezwungen, das Gebiet Kiautschou im Osten des Landes für 99 Jahre an die Deutschen zu verpachten. Dem Reichsmarineamt unterstellt, war dieses Gebiet danach zu einer deutschen Kolonie erklärt worden. Die neuen Kolonialherren begannen daraufhin ihren Einfluss auf die restliche Provinz Shandong auszuweiten und bauten den Hafen von Tsingtau (heute: Quingdao).
Der folgende Aufstand im chinesischen Kaiserreich war eine Folge des imperialistischen Wettbewerbs der europäischen Großmächte, der USA und Japans um Einfluss in China. Das Deutsche Reich strebte dabei nach Anerkennung als koloniale Großmacht. Die chinesische Geheimbewegung der Yihetuan ("Boxer") bildete sich als Reaktion auf die Versuche kolonialer Einflussnahme und auf die verbreiteten christlichen Missionierungen.
Nach der militärischen Eskalation des Aufstands erhielt das Deutsche Reich den Oberbefehl über die alliierten Interventionskräfte. Kaiser Wilhelm II rehabilitierte den von ihm zuvor ins Abseits geschobene und bereits betagten Waldersee und übertrug ihm das Kommando. Bei der Ausschiffung der Truppen hielt der Kaiser in Bremerhaven die berüchtigte "Hunnenrede", in der er den Soldaten mitgab: Pardon solle nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht werden.
Waldersee sah es in den Folgemonaten als seine Mission dieser Aufforderung nachzukommen. Er schrieb, er werde "für ein strenges Strafgericht Sorge tragen". Als sein Expeditionskorps im September 1900 in Peking eintraf, hatten alliierte Truppen den Aufstand zwar bereits weitgehend niedergeschlagen und die Stadt geplündert, was beim Feldmarschall zunächst auf Empörung stieß. Dies hielt seine Truppen aber nicht davon ab, Peking erneut zu verwüsten und Kulturgüter zu rauben. Im Anschluss wurden unter Waldersees Befehl gemeinsam mit den alliierten Streitkräften dutzende sogenannte "Strafexpeditionen" gegen vermeintliche "Boxernester" durchgeführt. Diese waren von Massakern, Morden, Vergewaltigungen, Folter und systematischer Plünderung begleitet und zielten in erster Linie auf die vom Kaiser geforderte Abschreckung.
Die Gewalttaten wurden von ausländischen Beobachtern aber auch innerhalb Deutschlands scharf kritisiert. Reichstagsabgeordnete der SPD aber auch der katholischen Zentrumspartei machten die Gräuel in China öffentlich und sprachen sich vehement gegen Waldersees Kriegsführung aus. So verlas beispielweise der SPD-Vorsitzende August Bebel während einer Reichstagssitzung Briefe von deutschen Soldaten, die offen und teils mit Stolz über eigene Kriegsverbrechen berichteten. Von einem Großteil der Deutschen wurde Waldersee allerdings nach seiner Rückkehr aus China als Held verehrt.
Alfred von Waldersee steht exemplarisch für das Ineinandergreifen von imperialistischem Kalkül, militärischer Brutalität und dem Streben des Deutschen Kaiserreichs nach kolonialer Gleichberechtigung mit den etablierten Großmächten. Seine Person und das Mandat Wilhelms II verdeutlichen, wie systematische Gewalt gegen die Zivilbevölkerung in kolonialen Kontexten nicht nur geduldet, sondern von höchster Stelle befohlen wurde.
Text: Dr. Hanno Balz, Historiker, in Abstimmung mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Senator für Kultur