Christoph Kolumbus - auf Italienisch Cristoforo Colombo, auf Spanisch Cristóbal Colón - wurde um 1451 in Genua als Sohn eines Webers geboren. Kolumbus fuhr schon in jungen Jahren zur See und arbeitete bald als Seemann und Kartograph. Er galt als ausgezeichneter Seefahrer und Navigator und lebte seit 1476 in Lissabon. Kolumbus war nicht nur ein eifernder Christ, sondern auch von der Idee besessen einen westlichen Seeweg nach Asien zu finden, um den lukrativen Handel mit Gewürzen und Seide wieder aufzunehmen. Dieser war mit der Schließung des Landwegs der Seidenstraße durch das Osmanische Reich im Jahr 1453 eingebrochen. Kolumbus' eigentliche Motivation lag somit im profitorientierten Handel und im geopolitischen Interesse der spanischen Königin Isabella, die er schließlich nach einigen Jahren von seiner Idee eines Seewegs nach "Indien" überzeugen konnte.
Zwischen 1492 und 1504 unternahm Kolumbus vier Reisen über den Atlantik. Auf seiner ersten Expedition - finanziert von Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón - erreichte er am 12. Oktober 1492 die Insel Guanahani, die er San Salvador nannte. Kurz darauf gelangte er nach Kuba und Hispaniola (heutiges Haiti und Dominikanische Republik). Dort gründete er Villa de Navidad, die erste spanische Siedlung auf dem amerikanischen Kontinent. Aus europäischer Sicht hatte Kolumbus damit eine "Neue Welt" entdeckt - tatsächlich aber begann mit seiner Ankunft der Beginn der europäischen Kolonialherrschaft in Amerika.
Mit Kolumbus' Landung begann der sogenannte kolumbianische Austausch, also der kulturelle, wirtschaftliche und biologische Austausch zwischen der Alten und der Neuen Welt. Doch dieser Prozess war von massiver Gewalt geprägt. Schon auf Hispaniola ordnete Kolumbus die Versklavung der indigenen Bevölkerung der Taíno an und ließ seine Mannschaften Massaker ausüben, um die Kontrolle über Land und Menschen zu sichern. Auch sexualisierte Gewalt gegenüber den weiblichen Taínos war allgegenwärtig. Auf seiner zweiten Reise versprach er seinen spanischen Auftraggebern, "so viele Sklaven wie sie befehlen" mitzubringen. Die von Kolumbus geförderte Ausbeutung und Zwangsarbeit führte auf Hispaniola zu einer katastrophalen Dezimierung der Bevölkerung: Von schätzungsweise einer halben Million Menschen kurz vor der Ankunft der Spanier blieben nach einigen Jahren nur wenige Tausend am Leben. Viele waren ermordet worden, andere starben an den untragbaren Zuständen der Zwangsarbeit, an eingeschleppten Krankheiten oder hatten sich aus Verzweiflung von Klippen gestürzt.
Diese sogenannte Demographische Katastrophe ist eine Grundbedingung für die Entwicklung der Kolonialgesellschaften in Amerika. Sie beeinflusste den transatlantischen Kulturkontakt, die Geschichte der europäischen Expansion sowie auch allgemein die neuzeitliche Wahrnehmung. Bereits im 16. Jahrhundert war die Dimension der Demographischen Katastrophe erschreckend. In Mexiko und Zentralamerika betrug der Bevölkerungsrückgang zwischen 1519 und 1568 wahrscheinlich mehr als 90 Prozent, in den meisten anderen Regionen zwischen 80 und 90 Prozent. Auf den Karibikinseln wie vor allem der Insel Hispaniola kann man regelrecht vom Aussterben der Urbevölkerung sprechen.
Obwohl Kolumbus' historische Bedeutung als Entdecker des Atlantikwegs unbestritten ist, wird sein Erbe heute zunehmend kritisch betrachtet. Für viele Menschen in Mittel- und Südamerika symbolisiert Kolumbus' Ankunft in der Karibik den Beginn einer Ära der Unterdrückung, Enteignung und kulturellen Zerstörung. Sein Handeln und die Rechtfertigung desselben, wie sie vielfach in Schriften des 16. Jahrhunderts verbreitet wurden, prägten das Selbstverständnis der europäischen Expansion wesentlich: die Idee, neue Länder zu "entdecken", christlich zu missionieren und auszubeuten.
Damit kann Kolumbus als Wegbereiter des Kolonialismus verstanden werden - nicht nur durch seine Reisen selbst, sondern vor allem durch die von ihm begründete Praxis der gewaltsamen Eroberung, Versklavung und religiösen Rechtfertigung imperialer Gewalt. Sein Vermächtnis steht somit zwischen zwei Welten: zwischen der europäischen Vorstellung "heroischer" Entdeckung und der sehr viel realeren Geschichte jahrhundertelanger kolonialer Unterwerfung, die er einleitete.
Text: Dr. Hanno Balz, Historiker, in Abstimmung mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Senator für Kultur