Joachim Nettelbeck wurde als Sohn eines wohlhabenden Schuhmachers und Braumeisters im damals pommerschen Kolberg (heute das polnische Kołobrzeg) geboren. Schon als Kind fuhr er an Bord eines holländischen Seglers mit, das in den Sklavenhandel vor der Küste Westafrikas involviert war. Nachdem er nach Hause zurückgekehrt und dort die Schule absolviert hatte, fuhr er wieder zur See und war bald als Untersteuermann auf holländischen Schiffen vor allem in den niederländischen Kolonien in der Karibik unterwegs. Dort lernte er das System des Kolonialismus des 18. Jahrhunderts kennen und begeisterte sich dafür.
Nach Kolberg zurückgekehrt, war er für einige Zeit als Reeder tätig und wurde zum Kapitän der preußischen Flotte ernannt. Da Nettelbeck offenbar ein streitbarer Charakter war, verlor er diesen Posten allerdings schon bald wieder. So heuerte er 1771 in Amsterdam erneut auf einem holländischen Sklavenschiff, diesmal als Obersteuermann, an. In dieser Funktion kommandierte er ein großes Beiboot, das die westafrikanische Küste abfuhr. Dort tauschte er von örtlichen Händlern Waffen, Pulver, Tabak, Stoffe und Branntwein gegen versklavte Menschen, die er weiterverkaufte und die dann zur Zwangsarbeit auf Zucker- und Kaffeeplantagen in die Karibik verschleppt wurden. Hierbei war ihm auch daran gelegen, sich persönlich zu bereichern. Insgesamt verbrachte Nettelbeck so drei Jahre auf den holländischen Sklavenhändlerschiffen 'Elisabeth', 'Sara Henrietta' und 'Jonge Jacob'. Auf den ersten beiden Schiffen wurden etwa 775 versklavte Menschen transportiert, von denen 108 auf der Schiffspassage unter unmenschlichen Bedingungen starben.
In seinen Memoiren, geschrieben fast 50 Jahre später und ein Bestseller in Deutschland, leugnete der Sklavenhändler seine Taten nicht, auch wenn er inzwischen die Sklaverei angeblich missbilligte. Demgegenüber betonte er in der Rückschau die "friedensstiftende" Funktion seiner Peitsche und führte zum Vorgang beim Kauf der Versklavten aus:
"Sobald die Verkäufer vom Schauplatz abgetreten waren, gab der Schiffsarzt den erhaltenen Sklaven ein Brechmittel ein, damit die seither ausgestandene Angst nicht nachteilig auf ihre Gesundheit wirkte. Aber begreiflicherweise konnten die gewaltsamen Wirkungen dieser Prozedur jenen vorgefassten schrecklichen Wahn ebenso wenig beseitigen wie die eisernen Fesseln an Hand und Fuß, die man den männlichen Sklaven anlegte. Gewöhnlich kuppelte man sie überdies noch paarweise zusammen, indem man durch einen in der Mitte jeder Kette befindlichen Ring noch einen fußlangen eisernen Bolzen steckte und fest vernietete."
Vom Nutzen des Kolonialismus überzeugt und der Meinung, dass sich Gebiete an der Nordküste Südamerikas für eine deutsche Kolonialisierung eignen würden, wandte sich Nettelbeck insgesamt dreimal, Mitte der 1770er Jahre, 1786 und schließlich nach dem Sieg über Napoleon 1815, an den preußischen König, um diesen von der kolonialen Idee zu überzeugen. Auch schlug er vor, nach britischem und niederländischem Modell versklavte Menschen von der westafrikanischen Küste in die zu errichtenden preußischen Kolonien zur Zwangsarbeit zu verschleppen. Allerdings wurden seine Vorschläge jeweils abgelehnt - die preußische Regierung sah sich nicht als kommende Kolonialmacht in Übersee.
1775 kehrte er nach Kolberg zurück, war jedoch zunächst wirtschaftlich erfolglos, bis er 1777 wieder als Kapitän zur See fuhr, diesmal jedoch nur auf der Ostsee. Später war er als Brauer und Schnapsbrenner in Kolberg wirtschaftlich erfolgreich.
Im Krieg gegen Napoleon erlangte Nettelbeck als Bürgerrepräsentant bei der bedingungslosen Verteidigung der Festung Kolberg im Jahr 1807 eine Berühmtheit als nationalistische Identifikationsfigur. Als glühender Nationalist setzte er sich für die fanatische Verteidigung der Festung gegen die französischen Truppen "bis zum letzten Mann" ein. Dieser Irrsinn einer Aufopferung für die "nationale Ehre" begründete seinen Ruhm, den er in nationalistischen Kreisen genoss und der das ganze 19. Jahrhundert über währte. Dieser gipfelte schließlich in dem berüchtigten Durchhalte-Film der Nationalsozialisten, der noch 1945 in die Kinos kam: "Kolberg". Hier stilisierte Goebbels Propagandaapparat den Kolberger Bürgervertreter zum Vorbild für den "Endkampf".
In der Rückschau war Joachim Nettelbeck eine paradigmatische Figur seiner Zeit, der sich an der Schnittstelle zwischen frühem deutschem Nationalismus, kolonialen Ambitionen und der transatlantischen Sklaverei bewegte. Er führte in jungen Jahren ein Leben der Gewalt und profitierte vom Leid versklavter Menschen. Auch in seiner Lebensrückschau verstand er sich noch als "Patriot", der begeistert ein koloniales Gewaltregime propagierte.
Text: Dr. Hanno Balz, Historiker, in Abstimmung mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Senator für Kultur